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Nachhaltigkeit auf der ATP Tour: Carbon Tracker, Green Badge und der Weg zu Net Zero

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Sportvorhersagen

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Nachhaltigkeit im Tennis klingt zunächst nach einem Widerspruch. Die ATP Tour schickt Spieler rund um den Globus — von Melbourne nach Indian Wells, von Roland-Garros nach Shanghai, 63 Turniere in 29 Ländern allein 2026. Jeder Flug, jedes Hotelzimmer, jede beleuchtete Hartplatzanlage hinterlässt einen ökologischen Fußabdruck. Und trotzdem hat sich ausgerechnet das Herrentennis in den vergangenen Jahren als Vorreiter in Sachen Klimaschutz positioniert — mit konkreten Instrumenten, nicht nur mit Absichtserklärungen.

Im Zentrum steht der ATP Carbon Tracker, das weltweit erste Tool seiner Art im Profisport. Dazu kommen ein verbindliches Net-Zero-Ziel bis 2040, ein Green-Badge-Programm für Turniere und wachsender Druck von Sponsoren, die ESG-Kriterien nicht mehr als Fußnote behandeln. Was davon Substanz hat und was Greenwashing bleibt, lässt sich inzwischen an Daten ablesen. Tennis auf dem Weg zu Net Zero — ein Blick hinter die Kulissen der grünsten Baustelle im Herrentennis.

Carbon Tracker: Die erste App für den CO₂-Fußabdruck im Profisport

Im Juni 2023 stellte die ATP gemeinsam mit ihrem Technologiepartner Infosys den Carbon Tracker vor — eine App, die Spielern erstmals ermöglicht, ihren individuellen CO₂-Fußabdruck zu berechnen und zu verfolgen. Das klingt nach einer kleinen technischen Spielerei, ist aber ein Novum: Kein anderer Profisport hatte bis dahin ein vergleichbares Instrument entwickelt, das direkt in den Alltag der Athleten integriert ist. Weder die FIFA noch die Formel 1, weder die NBA noch World Athletics hatten zum Zeitpunkt der Einführung etwas Vergleichbares im Angebot.

Die Funktionsweise ist bewusst einfach gehalten. Der Carbon Tracker erfasst Flüge, Bodentransporte und Hotelaufenthalte der Spieler im Rahmen der Tour. Auf Basis dieser Daten berechnet die App die persönlichen Emissionen und zeigt Vergleichswerte — etwa den Durchschnitt aller Tourspieler oder Benchmarks nach Turnierkategorie. Spieler können sehen, ob ihre Route von Europa nach Asien effizienter organisiert werden könnte oder ob ein Direktflug statt einer Umsteigeverbindung den Fußabdruck reduziert hätte.

Der entscheidende Punkt: Die Daten sind nicht öffentlich. Jeder Spieler sieht nur seine eigenen Werte. Das senkt die Hemmschwelle, überhaupt teilzunehmen. Wer befürchtet, dass seine Vielflieger-Bilanz in der Presse landet, wird kaum eine Tracking-App installieren. Die ATP hat dieses Hindernis erkannt und setzt auf Transparenz nach innen statt auf öffentlichen Pranger. Die Idee dahinter: Wenn ein Spieler schwarz auf weiß sieht, dass seine Saison 40 Tonnen CO₂ verursacht hat, entsteht ein anderer Handlungsdruck als bei abstrakten Klimaberichten.

Der Carbon Tracker ist Teil einer breiteren Initiative, deren Kernziel die ATP klar formuliert hat: Net Zero bis 2040. Ob die Spieler das Tracking-Angebot tatsächlich in der Breite nutzen, ist eine offene Frage. Aber das Instrument existiert, und es liefert Daten, wo vorher nur Schätzungen standen.

Net Zero bis 2040: ATP’s Nachhaltigkeitsstrategie

Net Zero bis 2040 — zehn Jahre vor dem Zieltermin des Pariser Klimaabkommens. Ambitioniert? Auf dem Papier ja. In der Praxis bedeutet es, dass die ATP ihre gesamte Wertschöpfungskette dekarbonisieren muss: nicht nur die eigenen Büros und Events, sondern auch die Emissionen der Turniere, Spieler und Zuschauer. Für einen Sport, der strukturell auf Interkontinentalreisen angewiesen ist, lässt sich das nicht allein durch bessere Mülltrennung lösen.

Der Weg dorthin führt über mehrere Stufen. Zunächst die Datenerhebung — hier greift der Carbon Tracker. Dann die Reduktion: effizientere Turnierkalender, die geografisch sinnvoller gruppiert sind, weniger Inlandsflüge, nachhaltigere Turnier-Infrastruktur. Und schließlich die Kompensation dessen, was sich nicht vermeiden lässt. Die ATP hat keine eigene Offsetting-Plattform aufgebaut, arbeitet aber mit zertifizierten Partnern zusammen.

Ein konkretes Beispiel für strukturelle Reduktion: Die Zusammenlegung von Turnieren in derselben Region — etwa die nordamerikanische Hartplatzsaison im Sommer oder die europäische Sandplatzserie im Frühjahr — reduziert die Zahl der Transatlantikflüge pro Saison erheblich. Das ist kein Zufall, sondern Teil der Kalenderplanung. Ähnlich funktioniert die asiatische Herbstsaison, die Turniere in China, Japan und Korea in wenigen Wochen bündelt, statt Spieler mehrfach über den Pazifik fliegen zu lassen. Solche Maßnahmen senken den Fußabdruck, ohne das sportliche Angebot zu beschneiden.

Dass Nachhaltigkeit kein reiner Kostenfaktor ist, zeigt ein Blick auf die Sponsorenentwicklung. Die Einnahmen der ATP Tour aus Sponsoring stiegen bis 2024 um 50 Prozent innerhalb von zwei Jahren; neun neue globale Partner kamen seit 2023 hinzu. Mehrere dieser Partner — darunter Infosys als Technologiepartner — binden ihre Zusammenarbeit explizit an ESG-Fortschritte. Für Turnierveranstalter bedeutet das: Wer keine Nachhaltigkeitsstrategie vorweisen kann, wird es bei der Sponsorensuche zunehmend schwer haben. ESG ist kein Bonus mehr, sondern Verhandlungsgrundlage.

Kritiker wenden ein, dass ein Sport, dessen Geschäftsmodell auf globalem Reisen basiert, strukturell nicht klimaneutral werden kann. Das ist ein berechtigter Einwand. Aber die Alternative — nichts tun und auf andere zeigen — wäre schlechter. Die ATP hat sich für den Weg der transparenten Datenerfassung entschieden, und das unterscheidet sie von vielen anderen Sportorganisationen, die ihre Emissionen noch nicht einmal systematisch messen.

Was Spieler und Turniere konkret tun

Abseits der Strategiepapiere stellt sich die Frage, was im Alltag der Tour tatsächlich passiert. Einzelne Turniere haben Maßstäbe gesetzt. Die Rolex Paris Masters setzen seit Jahren auf erneuerbare Energien für die Hallenbeleuchtung. Die Australian Open haben ein umfassendes Waste-Management-System eingeführt, das Plastikflaschen und gebrauchte Bälle recycelt — letztere werden zu Bodenbelägen verarbeitet. In Indian Wells wird ein Teil des Wasserbedarfs über Aufbereitungsanlagen gedeckt, in der kalifornischen Wüste ein nicht unerheblicher Faktor.

Auf Spielerseite ist das Bild gemischter. Dominic Thiem bekannte sich vor seinem Karriereende öffentlich zum Carbon Tracker und sprach davon, wie wichtig es sei, dass gerade Tennis vorangehe — als eine der Sportarten mit dem intensivsten Reisekalender. Andere Spieler nutzen die App eher beiläufig. Und nicht wenige dürften den Carbon Tracker als ein weiteres Gadget betrachten, das zwischen zwei Matches keine Priorität hat. Die Realität im Turnieralltag: Der nächste Flug entscheidet über den Trainingsplan, nicht über die CO₂-Bilanz.

Das Green-Badge-Programm versucht, diese Lücke institutionell zu schließen. Turniere, die bestimmte Nachhaltigkeitskriterien erfüllen — bei Energieversorgung, Mobilität oder Catering —, erhalten eine Auszeichnung, die in der Kommunikation und im Sponsoring einen Unterschied machen kann. Die Kriterien umfassen unter anderem den Anteil erneuerbarer Energien am Gesamtverbrauch, die Verfügbarkeit öffentlicher Verkehrsanbindungen für Zuschauer und den Verzicht auf Einwegplastik in der Gastronomie. Die ATP bewertet diese Standards jährlich neu und passt sie an den technologischen Fortschritt an. Damit entsteht ein System, das Fortschritt belohnt, ohne Nachzügler zu bestrafen — ein pragmatischer Ansatz für eine Organisation, die Dutzende Veranstalter auf vier Kontinenten koordinieren muss.

Ein Aspekt wird in der öffentlichen Diskussion oft übersehen: Auch die Zuschauer tragen zum ökologischen Fußabdruck eines Turniers bei. An- und Abreise der Fans, Catering, Energieverbrauch der Hospitality-Bereiche — all das summiert sich. Einige Turniere haben begonnen, vergünstigte Kombitickets mit dem öffentlichen Nahverkehr anzubieten oder Fahrradparkplätze auszubauen. Kleine Schritte, aber in der Summe nicht irrelevant.

Ist das genug? Wahrscheinlich nicht. Aber es ist ein Anfang, der über Symbolpolitik hinausgeht. Der Carbon Tracker liefert Zahlen, das Green Badge schafft Anreize, und das Net-Zero-Ziel gibt eine Richtung vor. Ob 2040 tatsächlich die Null steht, wird von Faktoren abhängen, die weit über den Tennisplatz hinausreichen — von Fortschritten in der Luftfahrt bis hin zu globalen Energiemärkten. Was die ATP kontrollieren kann, hat sie in Gang gesetzt. Der Rest ist ein Prozess, der Transparenz, Geduld und die Bereitschaft erfordert, eigene Grenzen anzuerkennen.

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