Die Geschichte des Herrentennis reicht weiter zurück, als die meisten vermuten — und sie ist alles andere als eine gradlinige Erfolgsgeschichte. Was im 19. Jahrhundert als Freizeitvergnügen der britischen Oberschicht begann, hat sich über Jahrzehnte zu einem der globalsten Einzelsportarten entwickelt. Zwischen den ersten Wimbledon-Aufschlägen 1877 und den Millionenprämien der heutigen ATP Tour liegen nicht nur technische Revolutionen, sondern auch politische Kämpfe, Generationenkonflikte und ein fundamentaler Wandel in der Frage, wer Tennis spielen darf — und wer daran verdient.
Dieser Überblick zeichnet die großen Linien nach: vom weißen Sport zur Weltbühne. Er zeigt, warum die Open Era 1968 alles veränderte, welche Spieler ganze Epochen prägten und warum das Herrentennis 2026 kommerziell und sportlich so stark dasteht wie nie zuvor. Wer die Gegenwart des Sports verstehen will, muss seine Vergangenheit kennen — und die ist erstaunlich bewegt.
Von den Anfängen bis zur Open Era 1968
Die Geburtsstunde des modernen Tennis wird meist auf das Jahr 1874 datiert, als der britische Major Walter Clopton Wingfield ein Freiluftspiel namens „Sphairistike“ patentieren ließ. Die Regeln waren noch abenteuerlich: ein sanduhrförmiges Spielfeld, ein improvisiertes Netz und eine Zählweise, die sich erst über Jahrzehnte stabilisieren sollte. Doch die Grundidee — ein Ball, ein Netz, zwei Spieler — traf einen Nerv. Innerhalb weniger Jahre verbreitete sich das Spiel in den Gärten und Parks der englischen Gesellschaft.
1877 richtete der All England Lawn Tennis and Croquet Club das erste Wimbledon-Turnier aus. Spencer Gore gewann vor rund 200 Zuschauern. Was heute kaum vorstellbar ist: Das Turnier war ein reiner Amateurbetrieb. Kein Preisgeld, keine Sponsoren, keine Weltrangliste. Tennis war ein Gentlemen’s Game im wörtlichsten Sinn — wer nicht dem richtigen Club angehörte, spielte nicht mit.
Die internationale Verbreitung ging schnell. 1881 fanden die ersten US-Meisterschaften in Newport statt, 1891 die French Championships in Paris, 1905 die Australasian Championships in Melbourne. Diese vier Turniere bildeten den Kern dessen, was später als Grand Slams bekannt werden sollte. Doch die Amateurregeln blieben ein Hindernis: Die besten Spieler durften kein Geld annehmen, was eine professionelle Entwicklung des Sports über Jahrzehnte blockierte.
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts prägten Spieler wie Bill Tilden, Fred Perry und Don Budge das Herrentennis. Budge gelang 1938 als Erstem der Grand Slam — alle vier Major-Titel in einem Kalenderjahr. Doch die Amateurära hatte eine Schattenseite: Wer Geld verdienen wollte, musste in die professionelle Tour wechseln und wurde damit von den großen Turnieren ausgeschlossen. Diese Spaltung zwischen Amateuren und Profis bestimmte den Sport bis 1968.
Der Wendepunkt kam, als der britische Verband im Dezember 1967 einseitig beschloss, Wimbledon für alle Spieler zu öffnen — Amateure wie Profis. Die International Tennis Federation zog nach, und 1968 begann die Open Era. Die French Open im Mai 1968 waren das erste Grand-Slam-Turnier, bei dem Profis und Amateure gemeinsam antraten. Rod Laver, der bereits als Amateur dominiert hatte, kehrte zurück und gewann 1969 erneut alle vier Majors — diesmal gegen das gesamte Feld. Es war der Beweis, dass die Open Era den besseren Sport produzierte. Der weiße Sport hatte seine erste große Revolution hinter sich.
Goldene Ären: Borg, McEnroe, Sampras und die Big 3
Die Open Era brachte nicht nur Preisgeld, sondern auch Persönlichkeiten, die den Sport in die Wohnzimmer der Welt trugen. In den 1970er Jahren lieferten sich Björn Borg und John McEnroe eine Rivalität, die weit über den Platz hinausstrahlte. Borg, der schwedische Eisblock mit der doppelhändigen Rückhand, gewann zwischen 1976 und 1980 fünf Wimbledon-Titel in Folge. McEnroe, das aufbrausende Gegenstück aus New York, brachte Emotionen auf den Platz, die das Publikum polarisierten und den TV-Quoten nicht schadeten. Ihr Wimbledon-Finale 1980 — Borg gewann den fünften Satz mit 8:6 — gilt bis heute als eines der größten Matches aller Zeiten.
Nach Borgs frühem Rückzug übernahmen Jimmy Connors und später Ivan Lendl die Spitze. Lendl war der erste moderne Trainingsbesessene im Tennis: ein Spieler, der Fitness und Vorbereitung auf ein Niveau hob, das alle nach ihm zum Standard erklärten. Die 1990er Jahre gehörten dann Pete Sampras und Andre Agassi — zwei Spieler, die unterschiedlicher kaum sein konnten. Sampras, der Aufschlagkönig, gewann 14 Grand-Slam-Titel und dominierte Wimbledon und die US Open. Agassi, der Rückhand-Virtuose mit dem Showman-Gen, brauchte länger, spielte dafür aber bis weit in seine Dreißiger auf höchstem Niveau.
Dann kamen die Big 3 — und mit ihnen eine Ära, die das Herrentennis in eine andere Dimension hob. Roger Federer debütierte 1998, gewann seinen ersten Wimbledon-Titel 2003 und baute über zwei Jahrzehnte eine Karriere auf, die in 20 Grand-Slam-Titeln und 310 Wochen als Nummer eins gipfelte. Seine Eleganz auf dem Platz setzte ästhetische Maßstäbe, die weit über den Sport hinauswirkten.
Rafael Nadal, ein Jahr jünger, wurde Federers schärfster Rivale. Mit 22 Grand-Slam-Titeln und einer Dominanz auf Sand, die ihresgleichen sucht — 14 Mal French-Open-Sieger —, zwang er Federer dazu, sein Spiel immer wieder neu zu erfinden. Ihre Duelle, insbesondere das Wimbledon-Finale 2008, veränderten die Wahrnehmung des Herrentennis endgültig: vom Nischensport zum globalen Spektakel.
Novak Djokovic vervollständigte das Trio. Mit 24 Grand-Slam-Titeln und über 420 Wochen als Weltranglisten-Erster überholte er beide Rivalen in den wichtigsten statistischen Kategorien. Seine Fähigkeit, auf allen Belägen gleichermaßen zu dominieren, und seine physische Widerstandsfähigkeit machten ihn zum komplettesten Spieler der Geschichte — zumindest nach den Zahlen. Gemeinsam gewannen Federer, Nadal und Djokovic 66 der 80 Grand-Slam-Titel zwischen 2003 und 2023. Eine Konzentration an der Spitze, die es in keiner anderen Sportart gab.
Tennis heute: Wachstum, Professionalisierung und globale Reichweite
Der Generationenwechsel, den viele vorhergesagt und manche gefürchtet hatten, kam schließlich mit Nachdruck. Federer trat 2022 zurück, Nadal Ende 2024. Djokovic spielt 2026 noch, aber die Nummer-eins-Position gehört längst einer neuen Generation: Jannik Sinner und Carlos Alcaraz haben die Spitze übernommen und treiben die Rivalität weiter, die das Herrentennis seit jeher definiert. Ob das Publikum den Verlust der Big 3 verkraften würde, war lange die große Sorge der Branche. Die Antwort fiel eindeutig aus: Die Zuschauerzahlen steigen.
Sportlich ist dieser Übergang gelungen. Kommerziell erst recht. Laut dem Global Tennis Report 2024 der ITF spielen weltweit rund 106 Millionen Menschen Tennis — ein Zuwachs von 25,6 Prozent innerhalb von fünf Jahren. ITF-Präsident David Haggerty brachte es auf den Punkt: Man habe noch nie so viele Spielerinnen und Spieler gehabt, und der Report bestätige, dass Tennis als Sportart in einer starken Position sei, die Millionen weltweit genössen.
Auch wirtschaftlich hat der Sport eine neue Größenordnung erreicht. Der globale Tennismarkt wurde 2024 auf 7,86 Milliarden US-Dollar geschätzt, mit einer prognostizierten jährlichen Wachstumsrate von 6,74 Prozent. Preisgelder, Sponsoreneinnahmen und Zuschauerzahlen bewegen sich auf Rekordniveau. Die ATP Tour hat ihre Strukturen professionalisiert, Profit-Sharing-Modelle eingeführt und die finanzielle Basis für Spieler abseits der absoluten Spitze deutlich verbessert. Tennis ist heute nicht mehr nur ein Sport der Stars — es ist ein System, das auch denjenigen Sicherheit bieten will, die außerhalb der Top 50 um jeden Punkt kämpfen.
Von Major Wingfields improvisiertem Rasenspiel bis zu den Datenwolken der Hawk-Eye-Kameras liegen knapp 150 Jahre — und ein Sport, der sich immer wieder neu erfunden hat. Die Geschichte des Herrentennis ist keine abgeschlossene Erzählung. Sie wird gerade mit jedem Turnier weitergeschrieben. Aber die Grundzutat bleibt dieselbe wie 1877: ein Ball, ein Netz, zwei Spieler. Alles andere hat sich geändert.
